Sunday, May 10, 2009

René Pape: Ein Retter der deutschen Liedkunst

Ich möchte eine Meinung propagieren, die mit keinen Zeitungen oder Musikmagazinen zu tun hat, über den denkwürdigen Debut René Papes als Liedsänger in der Carnegie Hall, diese theure Halle der alten Meister der heiligen deutschen Liedkunst. Keiner allein kann die vom allgemeinen Publikum fast verlorene Kunst der Liedinterpretation richtig retten. Nichtsdestotrotz ist eine Spitzenfigur nötig, die eine neue Generation von Liedkünstlern inspirieren darf. Während der letzten Jahrzehnte wurden viele Sänger als Nachfolger Dietrich Fischer- Dieskaus deklariert. Die Idee selbst ist verwirrend. Jeder, der versucht, auf die Art Dieskaus zu interpretieren, wird immer im Schatten desselben  bleiben. Das ist die Gefahr und auch leider der Fall, bis zum 25.4.2009 in der Carnegie Hall in New York. Dieskau ist einzigartig! Ihm wird nie jemand gleichen. Eine neue Spitzenfigur für die Liedkunst muss keine Kopie sein, sondern auch einzigartig auf seine eigene Art. Aber wie Dieskau muss er die Fähigkeiten des echtes Liedkünstlers verkörpern: 1) eine perfekt behandelte Stimme 2) perfekte Beherrschung der deutschen Sprache 3) eine große Musikalität, die nur von einer tiefen Verständnis des musikalischen Sprache herrühren darf. Alle diese Qualitäten waren am 25ten April in der Carnegie Hall zu erleben.

Die schöne, starke Farbe der Stimme René Papes ist schon überall in der musikalischen Welt bekannt. Von der erste Note des ersten Liedes (Schuberts 
Aufenthalt) war klar, dass es, zumindest stimmlich, ein schöner Abend werden würde. War es aus Nervosität vor einer ganz vollen Carnegie Hall am Abend des Debuts, oder wurden die ersten drei Schubertlieder (aus dem Rellstab Teil des Schwanengesangs) nur als "Einsingemittel" benutzt? Der Bassbariton hielt sich scheinbar zurück.  Alles war trotzdem musikalisch klar und ganz deutlich. Am Anfang seines Carnegie- Hall- Debuts war die Präsentation passend und beruhigend. Grossartige Stimme, starke Bühnenpräsenz, musikalische Intelligenz und perfekte Aussprache wurden willkommen geheissen.

Bei den 
Michelangeloliedern von Hugo Wolf war Herr Pape wieder vollkommen zuhause. Da hat er dem Publikum seinen Herz geöffnet, und für 10 Minuten hat das Publikum den René Pape kennengelernt: Starke direkte Emotionen ohne Sentimentalität, zarte pianissimi und riesige forti ohne die Kontrolle der Stimme zu verlieren. Da war Herr Pape bezaubernd, beeindruckend und vor allem menschlich. So ging es weiter mit anderen Liedern von Schubert, u.a. Das Heidenröslein, Lied eines Schiffers an die Dioskuren und Prometheus. Mit diesem letzten wagte nicht nur der Prometheus den Zeus zu versuchen zu vernichten, aber vielleicht auch der Pape-Prometheus den Dieskau-Zeus zu
 ersetzen. Wenn Herr Dieskau dort gewesen wäre, hätte er selbst den neuen König gekrönt. Keine Tricks, keinen emotionslosen Stoizismus als Gegenweg in Verhältnis zu Dieskau, wie es andere Sänger versucht haben, keine übertriebene Sentimentalität, die wieder andere Sänger benutzt haben, wenn keine echte Interpretation zu finden war.
Letztendlich sind Musik, Text und Gehirn und Seele genug, wenn alle von demselben Sänger so komplett beherrscht sind.

Nach der Pause hat Herr Pape Dichterliebe von Schumann angeboten. Die Tonarten dieser Lieder sind miteinander genial verbunden. Bei Bassstimmen muss man unbedingt viele von den Liedern transponieren.  Diese unregelmässigen Transpositionen waren für mich persönlich eine starke Ablenkung. Aber Herr Pape hat eine neue Seite der Hauptfigur gezeigt. Dieser Dichter war kein romantischer Mann, der schon am Anfang ganz in der Liebe verloren ist, sondern ein Jedermann, der tiefer und tiefer verletzt wurde, und noch am Ende trotz des "die Liebe ins Meer versenken", hoffnungsvoll geblieben ist. Hier hatte ich das Gefühl, dass der Zyklus von Beginn an wiederholt werden könnte. 

Es gibt auch keine Liedkunst ohne grossen Pianisten. Der Amerikaner Brian Zeger war der perfekte Partner. Sein Klavierton bei jedem Vorspiel bereitete das Lied wie einen roten Teppich für den Eintritt eines Königs. Er hat Kraft und Zärtlichkeit, auch Gewalt und Tränen selbst dem Klavier entfesselt, wenn es nötig war. Sein Ausdruck, wie bei Herrn Pape, war auch direkt und deutlich. Das Nachspiel am Ende der Dichterliebe war traumhaft, doch gleichzeitig logisch und ausgeglichen. Das kann nur von jemandem kommen, der eine perfekte Beherrschung der musikalischen Sprache hat. 

Als Zugaben waren Zueignung von Strauss und Some Enchanted Evening. Das Publikum applaudierte stehend bis zum Ende.

Vielleicht ist es ein Fehler von mir, Herr Pape mit Dieskau zu vergleichen, weil beide, von Stimmfach wie von Personalität, total verschieden sind. Aber ich habe bisher keinen anderen angetroffen, der so eine Verheissung schien, eine neue Liedkunstbewegung führen zu können. Es ist akzeptiert heutzutage, dass ein Sänger mit weniger Stimmkraft ein Liedkünstler sein darf, wenn er/sie eine grosse künstlerische Vorstellung hat. Ich finde diese Meinung auch verwirrend. Bei der Liedkunst muss der Sänger dieser künstlerischen Vorstellung durch einen effizienten Stimmapparat Leben geben. Ohne Stimme gibt es keine Liedkunst. Herr Pape ist mit einer goldenen Stimme begabt und wie in der Carnegie Hall zu erfahren, eben mit einer grossen künstlerischen Vorstellung und alles dies ist nötig, um der Liedkünstler unserer Zeit zu sein.


Es war ein grosser Abend in der Geschichte der Liedkunst. Ich freue mich sagen zu können, dass ich da war!

© 05/10/2009

Ich möchte Alexandra Schulz herzlich bekanken für ihre gramatische Hilfe.

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